Histofest Luxemburg 2026: Brauchen wir neue Helden in Europa?

Bei der gut besuchten Podiumsdiskussion mit Dr. Constanze Itzel, Charles Goerens und Jean-Claude Juncker ging es um die Frage, ob wir eine neue Vision von Europa brauchen, und wer sie verkörpern könnte.

 

Do we need new heroes in Europe? Braucht Europa neue Heldenfiguren? So lautete das Thema unserer Diskussionsveranstaltung im „Europa Experience Centre“ Luxemburg im Rahmen des zweiten HISTOFEST. 

Das HISTOFEST wurde 2025 von der in Berlin und Luxemburg lehrenden Historikerin Dr. Dora Komnenovic ins Leben gerufen. Die diesjährige Ausgabe stand unter dem Motto „The (un)making of heroes“ – daher der Titel der Podiumsdiskussion mit Dr. Constanze Itzel (Direktorin des House of European History in Brüssel und Mitglied unseres wissenschaftlichen Beirats), dem Mitglied des Europäischen Parlaments und früheren luxemburgischen Minister Charles Goerens, und dem ehemaligen luxemburgischen Premier und Präsidenten der Europäischen Kommission Jean-Claude Juncker, Gründungsmitglied im Kuratorium unserer Stiftung.

Mit der ersten Frage der Moderatorin Dr. Jacqueline Boysen (Geschäftsführerin unserer Stiftung), „Was sind europäische Helden?“ wurde deutlich, dass die Podiumsteilnehmer ein wenig mit dem Begriff eines modernen Helden fremdelten: „Ich mag den Ausdruck überhaupt nicht; wenn es Helden gibt, dann sind das für mich die Frauen und Männer der Kriegsgeneration“ stellte Jean-Claude Juncker fest. „In Europa werden wir uns niemals einigen, wer ein ‚europäischer Held‘ ist, das werden immer viele Menschen sein!“, führte Constanze Itzel an, die anstatt von „Helden“ lieber von „Vorbildern“ sprechen wollte. Charles Goerens konstatierte zwar humorig, „Für mich ist Jean-Claude Juncker ein Held!“ Juncker hingegen wollte sich selbst lieber als „kleinen Heiligen in einer großen europäischen Kirche“ sehen. Kohl und Mitterrand dagegen seien „Giganten“ gewesen, keine Helden. 

Ganz praktisch erklärte Constanze Itzel die Problematik der Heldendefinition an einem Beispiel aus dem House of European History: Der frühere Papst Johannes Paul II. sei für manche polnischen Besucher nicht ausreichend als Held dargestellt, da die Erwartungen an die Bildsprache oft ganz unterschiedlich seien.

Schnell wandte sich die Diskussion, wie „immer in diesen Tagen, wenn man über Europa spricht“ (Jacqueline Boysen), der Sorge um die Zukunft der Union zu: Von einer „existenziellen“ Krise sprach Goerens und erklärte das Zusammenwachsen Europas zur Politischen Union für „unabdingbar“, um in der angespannten geopolitischen Lage handlungsfähig zu sein. Mahnend äußerte sich auch Juncker: „Es gibt heute viel Rauch, aber wenig Dampf in der politischen Landschaft. Wir brauchen eine große Ambition für Europa, und Geduld!“ 

Aus dem Publikum wurde darauf hingewiesen, dass „Helden“ nicht einfach da seien, sondern durch Regierungen und Medien, die den öffentlichen Diskurs steuerten, „gemacht“ würden. Wenn in den sozialen Medien gegen Europa gerichtete Darstellungen dominierten, sei die Verankerung europäischer Helden und die Suche nach neuen Identifikationsfiguren geradezu unmöglich. Auf die Zuhörerfrage, ob die EU ein stärkeres Parlament brauche oder eher einen stärkeren Kommissionspräsidenten, warnte Jean-Claude Juncker vor der zunehmend brachialen Durchsetzung von Interessen einzelner Staaten oder Staatengruppen. Diese Rückkehr zu intergouvernementalen Strukturen führe zu einer Schwächung des Parlaments und damit der gesamten Gemeinschaft. Vorbei seien die Zeiten, in denen ein zwar grummelnder, aber von einer Vision geleiteter Helmut Kohl bei manchen Entscheidungen des Europäischen Rats gesagt habe: „Ich mache das heute so mit – aber nur wegen Europa!“

Eine jüngere Zuhörerin zeigte sich enttäuscht von den älteren Politikern auf dem Podium, die den Jüngeren keine Zukunftsvision anzubieten hätten. Zwar verwies Juncker in seiner Antwort auf das erfolgreiche Erasmus-Programm der EU, wünschte sich Goerens einen höheren Bekanntheitsgrad für die regelmäßigen EU-Jugendkonferenzen. Constanze Itzel hatte zuvor anschaulich dargestellt, wie durch Nutzung der richtigen Formate und Inhalte die Haltung von Jugendlichen zu Europa tatsächlich positiv beeinflusst werden kann. Es bleibe aber eine drängende Frage, so Jacqueline Boysen in ihren abschließenden Worten, was überzeugte Europäerinnen und Europäer tun müssten, um insgesamt mehr Menschen auf dem europäischen Weg mitzunehmen?