Europatag in Bocholt

Festakt des Mariengymnasiums im Lernwerk Bocholt

Die Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung diskutierte im Rahmen der Europa-Woche mit 100 Schülerinnen und Schülern in Bocholt. Am Europatag fand für die 10. Klassen sowie die Jahrgangsstufe EF des Mariengymnasiums ein Festakt statt. Anlass waren gleich zwei bedeutende historische Ereignisse: der 80. Jahresstag des Endes des Zweiten Weltkriegs und der 75. Jahrestag des Schumann-Plan, der den Grundstein für die europäische Einigung legte.

Am 9. Mai 1950 schlug der französische Außenminister Robert Schuman vor, die Gesamtheit der westdeutschen und französischen Kohle – und Stahlproduktion – kriegswichtige Rohstoffe –  einer gemeinsamen hohen Behörde zu unterstellen. Sechs Länder – Frankreich, die Bundesrepublik Deutschland, Italien, Belgien, Luxemburg und die Niederlande – schlossen 1951 den Vertrag über die Kohle- und Stahlunion (EGKS). Diese bildeten den Kern der 1957 durch die Römischen Verträge geschaffenen Europäischen Gemeinschaft (EG). Helmut Kohl war 20 Jahre alt, als Robert Schumann den nach ihm benannten Plan vorlegte. Die Begeisterung über den europäischen Aufbruch trieb den jungen Pfälzer dazu, mit Schülern und Studenten aus den Nachbarländern fröhliche Feste im deutsch-französischen Grenzgebiet bei Bergzabern zu feiern. Helmut Kohl schreibt in seinen Memoiren, dass sie europäische Lieder gesungen, sich verbrüdert und schließlich sogar symbolisch die Zollschranken an der Grenze zwischen der Pfalz und dem Elsass beiseite geräumt haben.

Der Festakt im Bocholter Lernwerk wurde in Kooperation mit Europe Direct Bocholt organisiert und von den Schülerinnen und Schülern des Kurses „Europa“ aus der Jahrgangsstufe 10 des Mariengymnasiums inhaltlich mitgestaltet und moderiert. Die Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung war von Lehrer Sven Volmering, Europabeauftragter am Mariengymnasium, eingeladen worden, sich mit dem Vortrag „Hand in Hand für Europa“ am Festakt zu beteiligen. Unser Referent für Jugendbildung, Benjamin Haase, zeichnete multi-medial und unter Einbeziehung der Schüler die Geschichte der europäischen Einigung am Beispiel der deutsch-französischen Beziehungen nach. Beide Länder gelten als Motor der europäischen Einigung. Vor allem das Tandem Kohl-Mitterrand steht für die deutsch-französische Aussöhnung und sorgte in den 1980er Jahren mit einer Reihe von Initiativen für eine Wiederbelebung der europäischen Idee.

Ein Treffen der beiden Staatsmänner sticht besonders heraus: der 22. September 1984. Helmut Kohl wird von François Mitterrand nach Verdun eingeladen, wo im Ersten Weltkrieg von Februar bis Dezember 1916 ein grausamer Stellungskrieg zwischen Deutschen und Franzosen stattfand, der über eine halbe Millionen Todesopfer forderte. Es ist die erste gemeinsame Gedenkfeier eines deutschen Bundeskanzlers und eines französischen Präsidenten in Verdun. Kohl und Mitterrand haben beide eine direkte Verbindung zu diesem Ort: Mitterrands Vater hat hier im Ersten Weltkrieg gekämpft. Mitterrand selbst, Jahrgang 1916, wurde im Zweiten Weltkrieg als Soldat in Verdun eingesetzt und dort schwer verwundet. Auch Kohls Vater Hans kämpfte im Ersten Weltkrieg als Soldat in Verdun. Helmut Kohl besuchte 1950, als 20jähriger, erstmals die Schlachtfelder und beschrieb das später als sehr bedrückend.

Über 30 Jahre später steht er nun als deutscher Bundeskanzler mit dem französischen Staatspräsidenten an diesem Ort. Am Ende der gemeinsamen Gedenkfeier vor dem Beinhaus, in dem die Überreste von über 130.000 deutschen und französischen Soldaten, die nicht mehr identifiziert werden konnten, aufbewahrt werden, kommt es zu einer bemerkenswerten Geste: Während die Hymnen beider Länder gespielt werden, reichen sich beide Staatsmänner die Hand und verharren minutenlang in dieser Position. Das Bild geht um die Welt. Helmut Kohl schreibt später in seinen Memoiren über diesen Moment: „Meine Gefühle lassen sich nur schwer beschreiben. Noch nie verspürte ich eine solche Nähe zu unseren französischen Nachbarn.“ Verdun gilt heute als Inbegriff für die Sinnlosigkeit des Krieges und dient der gemeinsamen Erinnerung und vor der Welt als Zeichen der deutsch-französischen Aussöhnung.

Der zweite Referent, Tim Nover vom Auswärtigen Amt, sprach beim Festakt über die Ausrichtung der Europapolitik der neuen deutschen Bundesregierung unter Friedrich Merz und brachte die Zuhörer auf den neuesten Stand der politischen Entwicklungen. Die Klasse 10b setzte mit einem musikalischen Beitrag einen besonderen Akzent: Sie trug unter anderem die Europa-Hymne vor und sorgte für eine feierliche Atmosphäre. Die Darbietung der Schülerinnen und Schüler wurde mit großem Applaus honoriert und rundete den Festakt gelungen ab.