Sieben Stunden voller Abwechslung: Das war die diesjährige Lange Nacht der Wissenschaften im Kohl Salon. Viele Besucherinnen und Besucher der LNDW kamen zum ersten Mal bei uns vorbei, angezogen von der Vielfalt der Programmpunkte – aber auch von Helmut Kohl, der, aus Pappe, aber in Lebensgröße, unübersehbar auf dem Gehweg stand und zum Fotoshooting einlud.
Zu Beginn hieß es: hinaus in den Sommerabend! Unsere wissenschaftliche Referentin Lisa Marie Freitag führte eine große Besuchergruppe durch das Herz des Berliner Regierungsviertels und erklärte zwischen Dani Karavans Grundgesetz-Denkmal, Reichstagsgebäude, Abgeordnetenbüros und Kanzleramt, was die Architektur der Berliner Mitte über das Selbstverständnis unserer Demokratie aussagt.
Anschließend ging es im rappelvollen Kohl Salon beim Science Slam Schlag auf Schlag: Die Historiker Arvid Hans Hüsgen, Judith Anouschka Grosch, Shayan Hashemian und Till Knobloch präsentierten prägnant und mit viel Humor ihre aktuellen Forschungsprojekte.
„4 × 7 Minuten Zeitgeschichte“ lautete die Devise: jeweils sieben Minuten zur Verwandlung Helmut Kohls vom „jungen Wilden“ in den „Vater der Volkspartei“ (Hüsgen), zur Frage „Moralisieren wir heute zu viel?“ (Grosch), zum Thema „Helmut Kohl und der Nahe Osten“ (Hashemian) sowie zu der These, dass Helmut Kohl nicht an das „Ende der Geschichte“ im Sinne Fukuyamas glaubte, sondern Geschichte als eine Abfolge chaotischer Momente verstand (Knobloch).
Direkt danach gab unsere Kuratorin Simone Erpel erstmals konkrete Einblicke in Gestaltung und Inhalte der künftigen Dauerausstellung über Helmut Kohl. Sie sprach über den Anspruch, Ausstellungsobjekte und die damit verbundenen Erzählungen für ein breites Publikum zugänglich zu machen, und berichtete von der spannenden - noch lange nicht abgeschlossenen - Suche nach aussagekräftigen Objekten, die für die Ausstellung auch von früheren Wegbegleitern Helmut Kohls zur Verfügung gestellt werden. Mitgebracht hatte Simone Erpel zur Faszination der Anwesenden eine besondere Schenkung: den Füllfederhalter, mit dem Michail Gorbatschow 1990 den Moskauer Vertrag unterzeichnete, und den er anschließend Helmut Kohl im Austausch gegen dessen Schreibgerät übergab.
Dann ertönte Musik „über die Mauer hinweg“. Davon gab es in den 1980er-Jahren nicht wenig: die diversen Konzerte der DDR-Rockgruppe „Karat“ im Westen, die Tournee der „Spider Murphy Gang“ durch acht Städte der DDR im Jahr 1983 oder auch 1988 das legendäre Rio-Reiser-Konzert in der Werner-Seelenbinder-Halle in Ost-Berlin, rund ein Jahr vor dem Fall der Mauer.
Der Journalist und Autor des Buches „Dann sind wir Helden“, Joachim Hentschel, Hentschel, führte mit eindrücklichen Hörbeispielen vor, warum Popmusik das ideale Medium für einen besonderen Austausch zwischen Ost und West war, und wie musikalische Subkulturen wirkten. Die innere Erosion der DDR wurde auch durch Musik „aus dem Westen“ befördert.
Kurz vor Mitternacht dann noch einmal Szenenwechsel: Politik-Nerds und Geschichtsfans trafen sich zum inzwischen traditionellen „Großen Kanzler-Quiz“ mit Felix Tauche. Nach 22 Fragen zu den 329 Tagen zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung stand der Sieger fest: ein Besucher, der – ein Schelm, wer Böses dabei denkt – unter dem Avatar „Helmut Schmidt“ gestartet war …
Danke an alle Mitwirkenden, die diese Lange Nacht zu einem Erfolg gemacht haben – und an unser vielfältiges Publikum, das mit Begeisterung dabei war!