„Über Mut – vom Zupacken, Durchhalten und Loslassen“: Wie ein politisches Vermächtnis klingt der Titel der letzten Publikation von Rita Süssmuth. Im Alter von 88 Jahren ist die vormalige Bundestagpräsidentin und Bundesministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit am 1. Februar 2026 in Neuss verstorben.
Rita Süssmuth war eine Quereinsteigerin: Die rasante politische Karriere der Professorin für Erziehungswissenschaften begann 1985, als Bundeskanzler Helmut Kohl sie als Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit, ab 1986 auch für Frauen, in sein Kabinett berief. Sie folgte auf Heiner Geißler, den Kohl schon aus Rheinland-Pfalz lange vertrauten Generalsekretär der CDU. Die Personalie warf in der Öffentlichkeit und in der Union Fragen auf: Zum einen waren Frauen am Kabinettstisch ungewohnt; zum anderen war Rita Süssmuth erst 1981 in die CDU eingetreten und als Direktorin des Forschungsinstituts Frau und Gesellschaft in Hannover über die akademischen Fachkreise hinaus wenig bekannt.
Das änderte sich angesichts ihres weithin sichtbaren Einsatzes schnell: Die aus Nordrhein-Westfalen stammende, streitbare Ministerin machte auch ohne politische Hausmacht rasch von sich reden und wurde nach zwei Jahren im Ministeramt mit einem Direktmandat im Wahlkreis Göttingen belohnt.
Unerschrocken nahm sich Rita Süssmuth als Bundesministerin in einem lange als nachrangig betrachteten Ressort heikler Themen an, die in der CDU bislang eher umschifft worden waren. Rita Süssmuth hatte keine Scheu, sich auch öffentlich klar zu positionieren – bisweilen gegen den Bundeskanzler. Sie hatte erkannt, dass neue gesellschaftliche Realitäten politisch angegangen werden mussten. So verfocht sie ein modernes, nicht allein auf eine traditionelle Mutter-Vater-Kind-Konstellation zugeschnittenes Familienbild. Vor allem lebte sie als selbstverständlich berufstätige Mutter glaubwürdig vor, wofür sie selbstbewusst eintrat: Mutterschutz, Teilhabe, eine neue Rollenverteilung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dank ihrer langjährigen Mitgliedschaft im Zentralkomitee der deutschen Katholiken brachte sie Erfahrung darin mit, strittige Positionen hartnäckig gegen Widerstände zu verteidigen.
Das kam der progressiven Abgeordneten in den Debatten über die Anerkennung von Erziehungszeiten oder um die Reform des Abtreibungsrechts zugute – und stärkte sie in ihrem aufklärerischen Engagement für einen vorurteilsfreien Umgang mit der Immunschwäche AIDS. Mit ihrem Credo „Die Krankheit bekämpfen und nicht die Kranken“ eckte Rita Süssmuth in der CDU an, jenseits des Unionslagers indes erwarb sie sich Respekt und Anerkennung.
Nachdem Philipp Jenninger 1988 nach seiner missglückten Rede zum Gedenken an die Pogrome von 1938 zurückgetreten war, schlug Helmut Kohl Rita Süssmuth als Nachfolgerin vor. Er habe die oft eigenwillige und selbstbewusste Ministerin aus dem Kabinett katapultieren wollen, urteilte die Presse – nicht ahnend, dass Rita Süssmuth auch als Parlamentspräsidentin keineswegs zum politischen Neutrum mutieren würde. Der Deutsche Bundestag jedenfalls wählte die Abgeordnete Süssmuth mit großer Mehrheit an die Spitze des Parlaments. Damit hatte zum zweiten Mal nach der Sozialdemokratin Annemarie Renger eine Frau das zweithöchste Amt im Staat inne. Ihr Bekanntheitsgrad stieg weiter, und auf den Beliebtheitsskalen rangierte sie oft vor ihren männlichen Mitbewerbern und dem Bundeskanzler, mit dem sie nicht immer einer Meinung war. 1989 stellte sie mit Heiner Geißler und Lothar Späth Überlegungen an, Kohl als Parteivorsitzenden abzulösen – ein Versuch, der im Ansatz scheiterte.
Kurz darauf fiel die Mauer – und in Ost und West beschlossen die Parlamente, das Ende der DDR über den Beitritt der neuen Länder zum Geltungsbereich des Grundgesetzes zu besiegeln. Nach der letzten und einzig freien Volkskammerwahl baute Rita Süssmuth enge Kontakte zu ihrer Amtskollegin Sabine Bergmann-Pohl und den neuen ostdeutschen Parlamentskolleginnen und -kollegen auf. Als Präsidentin des ersten neugewählten Bundestages im vereinigten Deutschland war sie nicht zuletzt für die Umgestaltung des Reichstagsgebäudes und den reibungslosen Umzug des Bundestages von Bonn nach Berlin verantwortlich. Ihr vehementes Plädoyer für die Verhüllung des Reichstags durch das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude fand wiederum mehr Anhänger außerhalb der Union als bei den Granden ihrer eigenen Partei.
Nach 16 Jahren der Kanzlerschaft Helmut Kohls änderten sich 1998 die Mehrheitsverhältnisse. Die Koalition von CDU/CSU und FDP und die Ära Kohl gingen zu Ende. Rita Süssmuths gesellschaftspolitisches Engagement indes erlahmte nicht. Sie erklärte außerhalb der parlamentarischen Sphäre unermüdlich demokratische Grundprinzipien, setzte sich weiter für Geschlechtergerechtigkeit und Minderheiten ein und plädierte für ein tolerantes Miteinander. Bis zuletzt verteidigte sie die Demokratie, ihr Herzensanliegen.
Im Juni 2024 konnten wir mit Rita Süssmuth im Rahmen unserer Zeitzeugengespräche noch ein langes Interview rund um ihre Erfahrungen mit Helmut Kohl führen, das Sie auf unserer Website ansehen können. Wir sind dankbar dafür und werden Rita Süssmuth ein ehrendes Andenken bewahren.