Vor 35 Jahren: Hamburg feiert ein Jahr Deutsche Einheit

Zum ersten Jahrestag der Wiedervereinigung richtet Hamburg am 3. Oktober 1991 die Feier zum Tag der Deutschen Einheit aus. Bereits am Vorabend erinnert Bundeskanzler Helmut Kohl in einer Fernsehansprache daran, dass die Einheit nicht allein politisch und wirtschaftlich vollendet werden kann. Es brauche auch Geduld, gegenseitigen Respekt und die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen.

 

Der erste Jahrestag der Deutschen Einheit wird an vielen Orten in Deutschland gefeiert – das offizielle Einheitsfest wird 1991 in der Hansestadt begangen, weil sie den Vorsitz im Bundesrat führt. Die Feierlichkeiten beginnen mit einem ökumenischen Gottesdienst in der St.-Petri-Kirche. Daran schließt sich ein Festakt im Börsensaal der Handelskammer an – eingeladen haben der Bundeskanzler und der Bundesratspräsident gemeinsam. 

Historischer Umbruch – und Sorgen um die Zukunft

In der Fernsehansprache am Vorabend setzt Helmut Kohl den Ton: „Wir erleben einen epochalen Wandel im Zeichen von Freiheit, Demokratie und sozialer Marktwirtschaft.“ Er spricht über die Aufbauarbeit in den neuen Bundesländern – und blickt zugleich über die nationalen Grenzen hinaus:    Auch in den Staaten Osteuropas und in der Sowjetunion veränderten sich die politischen Verhältnisse; die baltischen Staaten seien unabhängig, und Leningrad trage wieder den Namen St. Petersburg. Für die große Mehrheit der Menschen zwischen Rügen und Plauen haben sich schon nach einem Jahr die Lebensverhältnisse spürbar verbessert, befindet der Kanzler, der zugleich Unsicherheit und Belastungen thematisiert: „Ich weiß aber auch, dass gerade in den neuen Bundesländern viele Menschen sich Sorgen machen – vor allem wegen ihres Arbeitsplatzes.“

Zusammenwachsen braucht Geduld

Kohl betont, dass die Folgen von mehr als vier Jahrzehnten Teilung nicht allein mit wirtschaftlichen Maßnahmen überwunden werden können. Er spricht den Menschen in den neuen Bundesländern Mut zu, selbstbestimmt zu handeln: Nun bestehe die Chance, die Zukunft selbst zu gestalten. Entscheidend sei, dass die Deutschen „in ihren Herzen und ihren Köpfen die Folgen der Teilung überwinden“. Dazu gehöre, Verständnis füreinander aufzubringen und einander „mit Achtung und Toleranz“ zu begegnen. Seine Botschaft richtet sich an Ost und West: „Wir brauchen Geduld miteinander. Wir müssen aufeinander zugehen: die Menschen im Westen ohne Überheblichkeit, denn sie hatten das Glück, jahrzehntelang in Freiheit zu leben.“ 

Einheit in Europa

Helmut Kohl betont den Zusammenhang zwischen nationalen und internationalen Verpflichtungen: Freiheit und Wohlstand Deutschlands seien eng mit der Europäischen Gemeinschaft und der atlantischen Allianz verbunden. Gemeinsam mit den Partnern wolle Deutschland am „Bau der Vereinigten Staaten von Europa“ mitwirken. Die wiedergewonnene Einheit sei ein Auftrag, ein friedliches, freiheitliches Europa weiterzuentwickeln. Seine Schlussformel bringt diesen Anspruch auf den Punkt: „Deutschland ist unser Vaterland, Europa unsere Zukunft.“

Zum Hintergrund: Die ARD-Tagesschau vom 3. Oktober 1991.