Vor 40 Jahren: Das Newsweek-Interview – ein schwieriger Start für Kohl und Gorbatschow

Im Oktober 1986 scheint eine neue Chance für atomare Abrüstung und Entspannung zwischen den Supermächten greifbar. Doch eine Äußerung Helmut Kohls über Michail Gorbatschow im Nachrichtenmagazin „Newsweek“ belastet das Verhältnis zwischen Bonn und Moskau schwer.

 

Im Oktober 1986 scheint eine neue Chance für atomare Abrüstung und Entspannung zwischen den Supermächten greifbar. Doch eine Äußerung Bundeskanzler Helmut Kohls über Michail Gorbatschow im Nachrichtenmagazin „Newsweek“ belastet das Verhältnis zwischen Bonn und Moskau schwer. Erst zwei Jahre später finden beide zueinander – politisch und persönlich. Aus der Annäherung wächst später ein Vertrauensverhältnis, das für die deutsche Einheit entscheidend wird.

Zwischen atomarer Bedrohung und Hoffnung auf Abrüstung

Im Oktober 1986 bewegt sich die Welt zwischen verhärteten Fronten der Blockkonfrontation und vorsichtiger Öffnung. US-Präsident Ronald Reagan setzt gegenüber der Sowjetunion auf militärische Stärke und hält an seiner strategischen Raketenabwehrinitiative SDI fest. Michail Gorbatschow wiederum treibt mit Glasnost und Perestroika Reformen voran und sucht nach Wegen, die Sowjetunion im Rüstungswettlauf zu entlasten. Beim Gipfeltreffen in Reykjavík am 11. und 12. Oktober kommen Reagan und Gorbatschow einer weitreichenden atomaren Abrüstung überraschend nahe. Für das geteilte Deutschland steht viel auf dem Spiel: Bundesrepublik und DDR gehören gegnerischen Militärbündnissen an, in Ost und West sind ausländische Truppen und Atomwaffen stationiert. Mauer und innerdeutsche Grenze trennen Familien; eine Wiedervereinigung erscheint in weiter Ferne. Bonn verbindet seine feste Westbindung mit dem Bemühen um Verständigung.

Eine Äußerung mit diplomatischer Sprengkraft

In diese angespannte Lage fällt das Gespräch, das Kohl am 15. Oktober im Kanzleramt mit „Newsweek“ führt. Er beschreibt Gorbatschow als modernen kommunistischen Führer, der sich auf Öffentlichkeitsarbeit versteht, und fügt hinzu: „Der Goebbels verstand auch was von PR“. Die Veröffentlic hung in der Ausgabe vom 27. Oktober löst Empörung aus. Der sowjetische Botschafter Julij Kwizinskij legt im Kanzleramt Protest ein. Kohl und seine Mitarbeiter erklären, es gehe nicht um eine Gleichsetzung des NS-Propagandaministers mit dem Generalsekretär der KPdSU. Gemeint sei vielmehr, dass geschickte Öffentlichkeitsarbeit noch nichts über die Qualität von Politik aussage Die Kritik bleibt dennoch scharf: Der SPIEGEL wertet die Äußerung als fatalen Vergleich und sieht die außenpolitische Glaubwürdigkeit Bonns beschädigt. 

Die Los Angeles Times stellt am 7. November Kohls Dementi dem überlieferten Wortlaut gegenüber. Zudem gibt „Newsweek“ die entscheidende Tonbandpassage frei. Damit ist der Wortlaut belegt. Die Veröffentlichung der brisanten Passage erfolgt unautorisiert.

Kohl bedauert den entstandenen Eindruck

Kohl schreibt an Gorbatschow einen persönlichen Brief und bemüht sich auch am 6. November im Bundestag, den Schaden zu begrenzen: Er würdigt Gorbatschows Einsatz für bessere Ost-West-Beziehungen und unterstreicht den Wert regelmäßiger Konsultationen über Sicherheit und Rüstungskontrolle. Bei einem Besuch bei US-Präsident Ronald Reagan kurz zuvor habe er ausdrücklich dafür geworben, bei den Abrüstungsgesprächen die „Interessenlage der Sowjetunion und des Warschauer Pakts“ zu berücksichtigen. Westliche Sicherheit und konstruktive Beziehungen zum Osten gehören für ihn zusammen. Zugleich bekennt sich Kohl zur historischen Verantwortung der Deutschen für die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges: Die Bundesregierung handele „auch im Bewusstsein der Opfer, die die Völker der Sowjetunion durch den Überfall Hitlers erlitten haben.“ Zu seinem Interview erklärt er: „Dabei ist der falsche Eindruck vermittelt worden, ich hätte Generalsekretär Gorbatschow persönlich mit Goebbels vergleichen wollen. Das war nicht meine Absicht.“ Reumütig bekundet er: „Ich bedauere es sehr, dass dieser Eindruck entstehen konnte und distanziere mich mit Entschiedenheit davon.“

Kohl und Gorbatschow finden zueinander

Zwei Jahre später, bei Kohls Moskau-Besuch vom 24. bis 27. Oktober 1988, kommen sich der Bundeskanzler und Gorbatschow ein Stück näher. Ihr Verhältnis nimmt eine neue Richtung. Beide verabreden den Gegenbesuch Gorbatschows in Bonn im folgenden Jahr. Als Michail Gorbatschow im Juni 1989 gemeinsam mit seiner Frau Raissa in die Bundesrepublik reist, wird er von der Bevölkerung begeistert empfangen. Viele sehen in ihm einen Hoffnungsträger für Reformen und Abrüstung. Auf dem Bonner Rathausplatz skandiert die Menge „Gorbi, Gorbi“. Die Medien sprechen von "Gorbimanie". Beim Abendessen der Ehepaare Hannelore und Helmut Kohl sowie Raissa und Michail Gorbatschow am 16. Juni 1989 im Kanzlerbungalow kommt es, wie der Kanzler später schreibt, zu einem „Schlüsselerlebnis“. Bei einem nächtlichen Spaziergang im Kanzlergarten tauschen Kohl und Gorbatschow ihre persönlichen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg aus. „Friede war für uns nicht nur ein Wort, sondern ein existenzielles Grundbedürfnis. Als das Ehepaar Gorbatschow schließlich den Bungalow verließ, umarmten wir uns zum Abschied“, schreibt Kohl in seinen Erinnerungen „Ich wollte Deutschlands Einheit“.

Das Vertrauen der Einigungsjahre

Das zwischen Kohl und Gorbatschow gewachsene Vertrauen überlagert die politischen Interessen nicht – und erspart auch keine schwierigen Verhandlungen. Es wird jedoch zu einem entscheidenden Faktor in der Phase der Einigungsdiplomatie. Im Juli 1990 erklärt sich Gorbatschow gegenüber Kohl mit der Selbstbestimmung, also der NATO-Mitgliedschaft des vereinten Deutschlands einverstanden. Das vereinigte Deutschland bleibt in der Europäischen Gemeinschaft und im westlichen Bündnis verankert, ohne die Verständigung mit Moskau aufzugeben. Der am 9. November 1990 unterzeichnete deutsch-sowjetische Nachbarschafts- und Freundschaftsvertrag steht für diesen Anspruch. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 setzt Kohl die partnerschaftliche Politik mit Russland und Boris Jelzin fort. 

Seine persönliche Freundschaft mit Gorbatschow bleibt bestehen – trotz des  schweren Fauxpas von 1986.