Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!
Am Silvesterabend denken wir zurück an das, was im ausklingenden Jahr unser Leben in Familie und Beruf geprägt hat, und an das, was wir vom neuen Jahr erhoffen.
In erster Linie sind es die persönlichen Erfahrungen und Hoffnungen, auf die sich die meisten von uns in dieser Stunde besinnen. Aber ich möchte aus meiner Sicht noch einige Gedanken äußern, die uns alle angehen.
Sie haben gewiß noch die Bilder vom Treffen zwischen Präsident Reagan und Generalsekretär Gorbatschow in Genf vor Augen. Die Bundesregierung – und auch ich ganz persönlich – haben uns dafür eingesetzt, daß diese Begegnung zustande kam.
Das Treffen in Genf war ein wichtiger Schritt zur Festigung des Friedens in der Welt.
Bei allem was uns politisch bewegt, wissen wir: Alles wäre umsonst, wenn es uns nicht gelänge, für unser Land den Frieden in Freiheit zu sichern. Wir leisten dafür unseren Beitrag: Die Bundesrepublik Deutschland ist ein verläßlicher Partner im westlichen Bündnis. Unsere Standfestigkeit hat mit dazu beigetragen, daß das Gespräch zwischen West und Ost wieder in Gang gekommen ist.
Unser Ziel bleibt: Wir wollen Frieden schaffen mit immer weniger Waffen! Das heißt: Vorankommen auf dem schwierigen Weg der Abrüstung.
Wir wollen das um unserer eigenen Sicherheit willen. Aber wir wollen es auch, weil es widersinnig ist, daß die Rüstungsausgaben weltweit steigen, während viele Millionen in der Welt Hunger leiden und in großer Not leben, Menschen, die unsere Hilfe brauchen.
Und: Wir wollen im Ost-West-Dialog zu Erleichterungen und zu mehr Miteinander kommen – besonders für unsere Landsleute im anderen Teil Deutschlands. Es geht uns um Freiheit und die Achtung der Menschenrechte in Europa und in der Welt. Wir wollen den Zusammenhalt der Deutschen stärken – im Bewußtsein der Einheit unserer Nation.
Im freien Teil Europas haben wir dabei in den letzten Jahrzehnten einen historischen Durchbruch geschafft. Auf dem Weg zu dem immer engeren Zusammenschluß der Völker unseres Kontinents sind wir auch 1985 ein weiteres Stück vorangekommen. Bis Ende 1992 wollen wir den europäischen Binnenmarkt vollenden – jenen großen freien Wirtschaftsraum, in dem über 300 Millionen Menschen leben.
Wir Deutsche werden daraus den größten Nutzen ziehen, denn unsere Wirtschaft braucht den frischen Wind des Wettbewerbs nicht zu scheuen. Sie befindet sich wieder auf einem soliden Wachstumskurs: Es geht deutlich aufwärts!
1985 war ein Jahr harter Arbeit. Wir haben sparsam und solide gewirtschaftet und gute Erfolge erzielt. Wir konnten erste Früchte ernten – für Besonnenheit und Opfer in den Jahren zuvor.
Die Preise sind stabil. Viele Millionen Arbeitnehmer gehen mit der Gewißheit ins neue Jahr, daß ihre Arbeitsplätze wieder sicher sind. In diesem und im nächsten Jahr entstehen eine halbe Million neuer Arbeitsplätze. Die Staatsfinanzen sind gut geordnet. Die Rentner können wieder Vertrauen in ihre Alterssicherung haben. Die Maßnahmen für den Umweltschutz wirken sich positiv für Menschen und Natur aus.
Dankbar blicken wir heute auf ein Jahr zurück, in dem wir die wirtschaftliche und moralische Kraft unseres Volkes weiter stärken konnten.
Dieser Weg war nicht einfach. Er war mit Opfern verbunden, mit Einschränkungen, mit manchem Verzicht. Viele haben dabei geholfen, großartige Leistungen erbracht und vielfältige Anstrengungen unternommen.
Dafür möchte ich Ihnen allen herzlich danken.
Heute sehen wir, daß sich diese Anstrengungen gelohnt haben. Wir verfügen wieder über Gestaltungsmöglichkeiten für mehr sozialen Ausgleich. Am 1. Januar 1986 treten mit der Steuerreform finanzielle Verbesserungen für unsere Familien und viele andere Menschen in unserem Land in Kraft.
Mit dem ersten Schritt der Steuerreform werden besonders Familien mit Kindern finanziell entlastet.
Wir wollen, daß unsere Gesellschaft wieder kinderfreundlicher wird. Wir dürfen die nachwachsende Generation auch nicht dadurch belasten, daß wir heute auf Kosten von morgen leben. Wir schaffen feste Grundlagen für unsere Zukunft – mit wachem Sinn für unsere Kraft und unsere Chancen.
Das geistige Klima in unserem Lande ist heute anders als vor einigen Jahren. Hoffnungslosigkeit und Pessimismus sind überwunden; Zuversicht und Optimismus sind überall spürbar.
Unser Volk stellt sich wieder selbstbewußt den Herausforderungen in Wirtschaft und Wissenschaft, in Technik und Forschung. Wir dürfen stolz sein auf unsere kulturellen Leistungen.
Mit diesem neugewonnenen Selbstvertrauen werden wir auch künftig im internationalen Wettbewerb Erfolge erzielen, die allen zugute kommen – vor allem bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze. So werden wir auch das schwierigste Problem meistern, das uns alle heute noch bedrückt. Denken wir an die Mitbürger, die an der Wende zum neuen Jahr arbeitslos sind. Ihnen fehlt nicht nur ein Stück Sinnerfüllung ihres Lebens, mit ihnen sind auch in Sorge – und manchmal in Not – ihre Familien, ihre Kinder, ihre Angehörigen.
Unsere Sorge gilt vor allem den jungen Menschen, die an der Schwelle zum Berufsleben noch vor verschlossenen Türen stehen. Mit einem herausragenden Lehrstellenergebnis schon im dritten Jahr hintereinander konnten wir den meisten jungen Menschen auch 1985 die Chance für eine gute berufliche Ausbildung geben.
Die Schaffung und Sicherung von Arbeitsplätzen bleibt auch 1986 unsere wichtigste innenpolitische Herausforderung. Der anhaltende wirtschaftliche Aufschwung und die Zunahme der Beschäftigung zeigen, daß wir auf dem richtigen Weg sind.
Ich möchte an uns alle appellieren, im Alltag, in der Nachbarschaft, im Miteinander Aufgeschlossenheit und Solidarität zu beweisen.
Unsere Erfolge wurden zwar durch politische Entscheidungen ermöglicht, letztlich aber von den Bürgern selbst – von Ihnen allen – errungen. Darauf können wir stolz sein – stolz auf unsere solidarische Gesellschaft, stolz auf Deutschland, unsere Heimat, unser Vaterland, in dem es sich zu leben und zu arbeiten lohnt.
Ich grüße unsere Landsleute im anderen Teil Deutschlands, in Ostberlin, in Rostock, in Magdeburg, in Leipzig, in Dresden, in Jena, in Halle und Weimar und überall in der DDR.
Ich sende meinen Gruß an alle Landsleute überall in der Welt.
Ich grüße voller Dankbarkeit unsere älteren Mitbürger, die unsere Bundesrepublik in schwieriger Zeit aufgebaut haben. Mein herzlicher Gruß gilt den Jungen, die ihr Leben voller Chancen noch vor sich haben.
Mein Dank gilt unseren Soldaten in der Bundeswehr und den Zivildienstleistenden, die ihre Pflicht für uns alle tun.
Ich grüße die Gastarbeiter und ihre Familien, die mitten unter uns leben und arbeiten.
Ich wünsche Ihnen allen ein friedvolles und glückliches Jahr 1986.
Gott segne unser deutsches Vaterland!