Anlass der Pastoralreise des Papstes vom 21. bis zum 23. Juni 1996 ist die Seligsprechung der von den Nationalsozialisten ermordeten Geistlichen Bernhard Lichtenberg und Karl Leisner. Es ist der erste Besuch eines Oberhauptes der katholischen Kirche im wiedervereinigten Deutschland. Ein Höhepunkt der Reise ist die gemeinsame Kundgebung mit Bundeskanzler Helmut Kohl am Brandenburger Tor.
Nach der ersten Zusammenkunft im Lichtenberghaus durchschreiten Johannes Paul II. und Helmut Kohl das Brandenburger Tor. Wo einst die Berliner Mauer die Stadt geteilt habe, stehe nun ein Symbol für Freiheit, Verständigung und Frieden, stellen Papst und Kanzler in ihren anschließenden Ansprachen heraus. Helmut Kohl dankt zunächst dem Papst für die Seligsprechung von Dompropst Bernhard Lichtenberg und dem Priester Karl Leisner. Beide hatten während der nationalsozialistischen Diktatur Widerstand geleistet und dies mit ihrem Leben bezahlt. Ihr Widerstand sei, so Kohl, Ausdruck des „anderen Deutschlands“, das sich der Barbarei widersetzte.
Besonders würdigt der Kanzler den Beitrag des Papstes zum Ende der kommunistischen Herrschaft in Mittel- und Osteuropa. Johannes Paul II. habe sich nie mit der Teilung Europas abgefunden. Millionen Menschen habe er Mut gemacht, sich für Menschenrechte, Freiheit und soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Besonders in seiner polnischen Heimat habe Johannes Paul den Freiheitsbewegungen moralische Kraft gegeben und damit wesentlich zum Zusammenbruch des kommunistischen Systems beigetragen.
Der Papst wiederum dankt dem Bundeskanzler für dessen Einsatz für die deutschen Wiedervereinigung und im Prozess der europäischen Einigung. Europa könne, mahnt Johannes Paul II., nur dann dauerhaft zusammenwachsen, wenn soziale Gerechtigkeit gewährleistet und die kulturelle Vielfalt seiner Völker respektiert werde. Eine Gemeinschaft Europas dürfe nicht von einem Gefälle zwischen reichen und armen Ländern geprägt sein. Soziale Spannungen gefährdeten den inneren Frieden des Kontinents.
Von Berlin aus richtet der Papst einen Appell an ganz Europa, Freiheit stets mit Wahrheit, Solidarität und Verantwortung zu verbinden. Mit Blick auf die Zukunft des Kontinents spricht Johannes Paul vom „neuen Haus Europa“. Europa benötige dort den Beitrag überzeugter Christen, die sich für Frieden, Gerechtigkeit und die unantastbare Würde jedes Menschen einsetzen. Das geöffnete Brandenburger Tor sei nicht nur Symbol für die politische Freiheit, sondern ein Zeichen der Offenheit der Herzen füreinander.
Kohl erinnert daran, dass das Grundgesetz die „Verantwortung vor Gott und den Menschen“ an den Anfang der deutschen Verfassung stellt. Freiheit dürfe nicht in Orientierungslosigkeit umschlagen, sondern müsse mit Verantwortung verbunden sein. Gerade deshalb seien die christlichen Kirchen mit ihrer ethischen Orientierung für die Gesellschaft unverzichtbar. Kirche und Staat seien Partner mit unterschiedlichen Aufgaben, aber gemeinsamer Verantwortung für Frieden, Freiheit und Menschenwürde.