Das Bahnhofsgebäude von Bayerisch Eisenstein/Železná Ruda-Alžbětín ist rund 120 Meter lang. Seine Besonderheit: Es liegt zugleich in Deutschland und Tschechien. Mitten durch das Gebäude verläuft die Staatsgrenze. Am 2. Juni 1991 setzt Bundeskanzler Helmut Kohl bei der Wiedereröffnung des deutsch-tschechoslowakischen Schienen-Grenzübergangs symbolisch das Signal auf „Freie Fahrt“. Nach Jahrzehnten der Teilung rücken beide Orte wieder in die Mitte Europas.
In seiner Rede zur Wiedereröffnung dankt Helmut Kohl den Menschen in der Tschechoslowakei. „Sie haben sich Freiheit, Demokratie und Achtung ihrer Menschenrechte friedlich erkämpft“, betont er. Besonders würdigt er Präsident Václav Havel. Der Erfolg der friedlichen Revolution werde untrennbar mit dessen Namen verbunden bleiben. Havel habe das kommunistische Unrechtsregime entschlossen bekämpft, unbeirrt für die Wahrheit eingestanden und dafür große persönliche Opfer auf sich genommen. Von ihm stammt auch das Bild von der „Rückkehr nach Europa“, das Kohl aufgreift.
Für Kohl steht die Verantwortung Europas gegenüber den Nachbarn in Mittel-, Ost- und Südosteuropa außer Frage. Die Staaten der Region befänden sich in einer schwierigen Phase des Übergangs von der Planwirtschaft zur Sozialen Marktwirtschaft. „Sie brauchen unsere Hilfe und Unterstützung. Wir dürfen nicht zulassen, dass Freiheit und die Schaffung einer rechtsstaatlichen Demokratie von den Problemen des wirtschaftlichen Neuaufbaus überschattet werden“, erklärt der Bundeskanzler. Die Erfahrungen der Menschen in den neuen Bundesländern zeigten, wie anspruchsvoll dieser Transformationsprozess sei.
Kohl hatte sich bereits erfolgreich für die Aufnahme der Tschechoslowakei in den Europarat eingesetzt und fordert nun verstärkte Anstrengungen der Europäischen Gemeinschaft zur Unterstützung der Reformprozesse in Mittel- und Osteuropa. Rund 13 Jahre später erfüllt sich diese europäische Perspektive: 2004 treten Tschechien und die Slowakei, die 1993 aus der Tschechoslowakei hervorgegangen waren, gemeinsam mit Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowenien und weiteren Staaten der Europäischen Union bei – ganz im Sinne von Helmut Kohls Vision eines geeinten Europas.