Vor 35 Jahren: Deutschland vereint, frei und unvollendet

„Es ist ein Tag unbeschreiblicher Freude“, bekennt Helmut Kohl in seinen Erinnerungen „Ich wollte Deutschlands Einheit“. Und er führt aus: „Um Mitternacht wird unter dem Jubel der Menschen vor dem Reichstagsgebäude die Fahne des demokratischen Deutschlands gehisst. Hunderttausende stimmen in das Lied der Deutschen ´Einigkeit und Recht und Freiheit´ mit ein“. Kohl vergisst nicht, was den Ausschlag für die Wiedervereinigung gegeben hat: „Dass dieser Tag jetzt schon kommt, ist besonders jenen Deutschen zu verdanken, die mit der Kraft ihrer Freiheitsliebe die SED-Diktatur überwanden. Ihre Friedfertigkeit und ihre Besonnenheit bleiben beispielhaft“.

Die Schwierigkeiten des Übergangs

Kohl wusste, dass die staatliche Einheit „in vieler Hinsicht erst am Anfang steht“. „Natürlich fragen sich viele“, so der Kanzler schon am 1. Juli 1990 beim Start der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion, „was dieser beispiellose Vorgang für sie ganz persönlich bedeutet – für ihren Arbeitsplatz, ihre soziale Sicherheit, für ihre Familien. Ich nehme diese Sorgen sehr ernst“. Gleichzeitig machte Helmut Kohl auch Mut, setzte auf den Schwung der Veränderung und warb um Engagement: „Ich bitte darum die Landsleute in der DDR: Ergreifen Sie die Chance, lassen Sie sich nicht durch die Schwierigkeiten des Übergangs, die niemand leugnen kann, beirren. Wenn Sie mit Zuversicht nach vorn blicken, wenn alle mit anpacken, werden Sie und wir es gemeinsam schaffen“. Im Gegenzug forderte der Kanzler die Westdeutschen zu erhöhter Solidarität auf: „Für das große Ziel der Einheit unseres Vaterlands werden auch wir in der Bundesrepublik Opfer bringen müssen. Ein Volk, das dazu nicht bereit wäre, hätte seine moralische Kraft längst verloren.“

Die Dimension der anstehenden Aufgaben

Die Euphorie des 3. Oktober hatte Helmut Kohl nicht den Blick für die anstehenden Aufgaben versperrt. Im Deutschen Bundestag gab er bereits einen Tag später zu bedenken: „Wirtschaftliche und soziale Fragen sind jetzt dringlich, aber sie sind wahrlich nicht die einzigen, die wir lösen müssen. Ich denke vor allem auch an die schwerwiegenden Folgen, die vier Jahrzehnte kommunistischer Diktatur im geistigen Leben und in den Seelen der Menschen hinterlassen haben. (…) Wir müssen deshalb mit Verständnis und mit gegenseitiger Achtung aufeinander zugehen. Dabei dürfen wir einander nicht überfordern. Gefragt sind Offenheit und Toleranz und die Bereitschaft, einander besser begreifen zu lernen“.

Eine Vollendung wartet noch

„Es gibt Momente im menschlichen Leben“, so Helmut Kohl im Rückblick in seinen Erinnerungen zum 3. Oktober, „da zieht die eigene Vergangenheit vor dem inneren Auge wie im Zeitraffer vorbei. Mir ging es damals ebenso. …Und ich erlebte noch einmal die Stationen auf dem Weg zur Einheit unseres Vaterlandes – meine Gespräche in Schloss Gymnich mit der ungarischen Führung, die Nachricht vom Fall der Berliner Mauer, die mich in Warschau erreichte, den großartigen Empfang, den man mir in Dresden bereitete, meine Treffen mit George Bush, Michail Gorbatschow und François Mitterrand. Mir ging in diesem Augenblick vor dem Berliner Reichstagsgebäude durch den Kopf, dass alles hätte anders kommen können. … wir wussten nur, dass es irgendwo einen festen Pfad gab. Wo er verlief, wussten wir nicht. Ohne Gottes Hilfe hätten wir es wohl nicht geschafft. Bei alldem war ich mir freilich auch bewusst, dass wir einen Teil unserer Vision, mit der wir nach dem Krieg angetreten waren, verwirklicht hatten. Vor uns lag und liegt auch heute noch die Vollendung des anderen Teils: die Einigung Europas“.

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