Zum ersten Mal seit November 1932 findet in ganz Deutschland wieder eine freie Parlamentswahl statt. Rund 60 Millionen Deutsche sind aufgerufen, den 12. Deutschen Bundestag zu bestimmen. Zwei Monate nach der Wiederherstellung der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 ist die Euphorie über die Vereinigung in Ost und West noch zu spüren – bei aller Skepsis, die auch damals geäußert wurde. Die Koalition aus CDU/CSU und FDP wird bestätigt und kann das Ergebnis aus der vorangegangenen Bundestagswahl halten.
Das zentrale Thema im Wahlkampf: die Kosten der Deutschen Einheit. Angesichts der schwierigen Bedingungen des Einigungsprozesses setzte Bundeskanzler Helmut Kohl als Spitzenkandidat der Union auf Chancen und Leistungsfähigkeit einer „freiheitlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die zugleich dort Hilfe und Unterstützung gewährt, wo die eigene Kraft nicht ausreicht.“ Dagegen warnte Oskar Lafontaine, der Kanzlerkandidat der SPD, vor „explodierenden Kosten, steigender Staatsverschuldung und unausweichlichen Steuererhöhungen.“
Die Unionsparteien kommen auf insgesamt 43,8 Prozent der Stimmen, können ihr Ergebnis in Westdeutschland halten und erzielen auch in den neuen ostdeutschen Bundesländern über 40 Prozent. Die FDP geht mit 11 Prozent gestärkt aus der Wahl hervor. Somit hat die von Helmut Kohl geführte erste gesamtdeutsche Bundesregierung für die nächsten vier Jahre eine solide Mehrheit. Die SPD verzeichnet am Wahltag mit 33,5 Prozent leichte Verluste und erzielt gerade in den ostdeutschen Bundesländern ein schwächeres Ergebnis. Die Grünen fallen sogar unter die Fünf-Prozent-Hürde und scheiden aus dem Bundestag aus. Eine einmalige Sonderregelung teilt die Bundesrepublik Deutschland damals noch in zwei separate Wahlgebiete. Im ostdeutschen Wahlgebiet kommen Bündnis 90 und die PDS über fünf Prozent und ziehen daher in den Bundestag ein. Erstmals waren auch die Bürger West-Berlins wahlberechtigt.
Der Bundestag wählt Helmut Kohl sechs Wochen später zum Bundeskanzler des vereinigten Deutschlands.