Vor 35 Jahren: Helmut Kohl wirbt im sowjetischen Fernsehen für Versöhnung, Freiheit und Frieden

 

Am Vorabend des 50. Jahrestags des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion von 1941 wendet sich Bundeskanzler Helmut Kohl in einer außergewöhnlichen Ansprache im sowjetischen Fernsehen direkt an die Bürgerinnen und Bürger der noch existierenden Sowjetunion. „Wir Deutsche gedenken heute mit Ihnen jenes Tags vor 50 Jahren, als deutsche Truppen die Sowjetunion angriffen. Gemeinsam erinnern wir uns an das unsagbare Leid, das in dem von der Hitler-Diktatur entfesselten Zweiten Weltkrieg auch den Völkern der Sowjetunion zugefügt wurde.“

Anteilnahme und historische Verantwortung

Der Bundeskanzler bekennt sich zur Verantwortung Deutschlands für die im Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion begangenen Verbrechen. Seine Trauer gilt den unschuldigen Opfern, den Kindern, Frauen und alten Menschen ebenso wie den Millionen Soldaten, die Krieg, Angst und Tod erleben mussten. Kohl erinnert an Leningrad und Stalingrad als symbolische Orte: Die Belagerung Leningrads stehe für die unsagbaren Leiden der Zivilbevölkerung und Stalingrad für „das Inferno einer totalen Kriegsführung“. In seiner Rede würdigt der Bundeskanzler zugleich Menschen, die Menschlichkeit bewahrten und Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur leisteten.

Ein Regime, welches das Selbstbestimmungsrecht der Völker missachtet, ist eine Bedrohung für den Frieden

Einen zentralen Platz in der Fernsehansprache am 21. Juni 1991 nimmt die Frage ein, welche Lehren aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts zu ziehen seien. Aus den Erfahrungen von Diktatur, Krieg und Unterdrückung leitet Kohl einen grundlegenden politischen Maßstab ab: „Ein Regime, das die Würde des Menschen verletzt und das Selbstbestimmungsrecht der Völker missachtet, ist immer auch eine Bedrohung für den Frieden.“ Damit verbindet Kohl die Erinnerung an die Vergangenheit mit einer universellen Botschaft. Dauerhafter Frieden könne nur dort entstehen, wo Menschenrechte geachtet und die Freiheit der Völker respektiert werden.

Europa im Zeichen des Neubeginns

Die Fernsehansprache fällt in eine Zeit tiefgreifender Veränderungen. Die Reformpolitik von Präsident Michail Gorbatschow hatte neue Perspektiven für das zuvor geteilte Deutschland und die Sowjetunion eröffnet und den Weg zur Deutschen Einheit geebnet. Helmut Kohl unterstreicht, dass er sich mit Michail Gorbatschow einig weiß, dass „wir die Beziehungen zwischen unseren Völkern auf eine friedliche gemeinsame Zukunft ausrichten müssen. Wir haben uns in diesem feierlichen Bekenntnis die Hand gereicht.“ Kohl verweist auf den 1990 geschlossenen Vertrag über gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit und hebt hervor, dass Deutschland und die Sowjetunion auch an eine Tradition friedlicher Beziehungen zwischen ihren Völkern anknüpfen können.