Vor 40 Jahren: Helmut Kohl trifft Mutter Teresa

Helmut Kohl hat großen Respekt vor dem humanitären Wirken Mutter Teresas. Seinen Staatsbesuch in Indien 1986 nutzt er zu einem Gedankenaustausch mit der Friedensnobelpreisträgerin in Neu-Delhi. Die „Missionarinnen der Nächstenliebe“ helfen den Ärmsten der Armen. Auf den Straßen Indiens kümmern sich die Schwestern um Findelkinder, Kranke und Sterbende – oft unter schwierigsten Bedingungen. Geboren im heutigen Nordmazedonien als Agnes Gonxha Bojaxhiu arbeitet Mutter Teresa zunächst als Lehrerin, bevor sie – bewegt vom Elend in den Slums von Kalkutta – ihre eigene Ordensgemeinschaft gründet. „Gott rief mich“, sagt sie später über diesen Schritt.


Verkörperung der Verantwortung für den Nächsten

Für Helmut Kohl hat die erste Begegnung mit Mutter Teresa am 29. April 1986 eine besondere Bedeutung. Verwurzelt im christlichen Werteverständnis sieht der Pfälzer in Mutter Teresa eine Verkörperung jener Verantwortung für den Nächsten, die er auch als Leitmotiv seiner Politik versteht. Das für ihn gültige Wertesystem sei, so der Kanzler in seinen grundlegenden Ausführungen zu Beginn der dritten Amtszeit, „wesentlich geprägt durch Christentum und Aufklärung, beruhend auf der Einzigartigkeit jedes Menschen, auf der Achtung vor dem Leben, der Menschenwürde und der persönlichen Freiheit.“ In einer als unsicher und im Wandel empfundenen Welt, sei Orientierung notwendig, ohne den Bürgern eine fertige „Sinnantwort“ aufzuzwingen. Politik schaffe Rahmenbedingungen für das Zusammenleben, könne aber nicht die persönliche Lebensdeutung ersetzen. Menschliche Wärme in einer Gesellschaft hänge letztlich davon ab, „wie jeder Einzelne seiner Verantwortung gerecht werde — in der Familie, gegenüber Nachbarn, gegenüber Schwächeren und Benachteiligten, aber auch gegenüber der Natur.“

Eine zweite Begegnung in Oggersheim

Als sich Mutter Teresa wenige Wochen nach dem ersten Treffen auf Einladung gemeinnütziger Organisationen in Deutschland befindet, laden Hannelore und Helmut Kohl die Ordensschwester am 13. Juli 1986 in ihr Privathaus nach Ludwigshafen-Oggersheim ein – als Zeichen persönlicher Wertschätzung, das über die politische Ebene hinausgeht.

Auch wenn das überlebensgroße Bild der Ordensschwester in späteren Jahren Kratzer bekommt: In den Armenhäusern des Ordens hätten schlechte hygienische Zustände geherrscht, die medizinische Versorgung sei in einigen Einrichtungen unzureichend gewesen. Ihre weltweite Strahlkraft bleibt ungebrochen. 2003 wird Mutter Teresa von Papst Johannes Paul II. selig- und 2016, 19 Jahre nach ihrem Tod, von Papst Franziskus auch heiliggesprochen.