Am 1. Januar 1986 erlangen Spanien und Portugal die Vollmitgliedschaft der Europäischen Gemeinschaft (EG). Damit umfasst sie zu diesem Zeitpunkt zwölf Mitgliedstaaten.
Spanien und Portugal wurden zuvor diktatorisch regiert. Das ändert sich 1974 mit der „Nelkenrevolution“, in der die portugiesische Demokratiebewegung die Militärherrschaft stürzt. Ein Jahr später befreit sich Spanien von der Franco-Diktatur. Damit ist der Weg beider Nationen Richtung Demokratie und Europäischer Gemeinschaft geebnet.
Portugal und Spanien stellen 1977 den Antrag zum EG-Beitritt. Schon diese Perspektive gilt in beiden Staaten als Anker für den weiteren Demokratisierungsprozess, aber auch für die wirtschaftliche und soziale Modernisierung. So sehr der Beitritt Spaniens und Portugals aus westeuropäischer Sicht gewünscht ist, so müssen doch vorher Hürden genommen werden. Über acht Jahre dauert der Beitrittsprozess.
Vor allem gilt es in den Gesprächen, Finanzierungsfragen zu lösen. Spanien, Portugal und Frankreich haben unterschiedliche wirtschaftliche Interessen; ein Streitpunkt sind die Fischfangrechte, die ausgehandelt werden müssen. Beim Wein befürchten auch deutsche Winzer ein spanisches und portugiesisches Überangebot, das ihre Märkte fluten könnte.
Im Deutschen Bundestag erinnert Bundeskanzler Helmut Kohl an das von den Mitgliedsstaaten der EG „an die demokratischen Parteien und Kräfte in Spanien und Portugal gegebene Versprechen“, möglichst rasch den Beitritt in die Gemeinschaft zu ermöglichen. Der entscheidende Punkt sei, so Kohl, ob man „wegen des großen Zieles den guten Willen und die Bereitschaft aufbringt, Kompromisse zu schließen.“ Der Bundeskanzler lässt keinen Zweifel daran, den versprochenen Beitrittstermin zum 1. Januar 1986 zu halten. Die beiden EG-Gipfel von Stuttgart – unter deutscher Leitung – sowie von Fontainebleau – unter französischer Leitung – bringen 1984 den Durchbruch. Der vielzitierte deutsch-französische Motor ermöglichte es, wie Kohl in einer Regierungserklärung festhält, „die eingetretene Stagnation in Europa zu überwinden und der Weiterentwicklung der Gemeinschaft neue Impulse zu geben.“
In Spanien markiert der Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft einen qualitativen Sprung von der Diktatur hin zu einer starken parlamentarischen Demokratie. Dies geht einher mit einem tiefgreifenden Strukturwandel. Aus einem Agrarland entwickelt sich eine Exportnation mit mehr Lebensqualität und Wohlstand der Bevölkerung. Seit dem Beitritt verzeichnet Spanien bis heute ein durchgehendes stabiles Wirtschaftswachstum.
Ganz ähnlich verläuft die Entwicklung in Portugal. In den Jahren nach dem EG-Beitritt 1986 weist Portugal die höchsten Wachstumsraten in Europa auf. Ausländische Investitionen und Überweisungen von im Ausland lebenden portugiesischen Arbeitskräften lösen einen Konjunkturaufschwung aus. War Portugal einst ein klassisches Agrarland, so ist mittlerweile der Dienstleistungsbereich mit einem hohen Anteil des Tourismus der wichtigste Wirtschaftszweig.