In den frühen Morgenstunden des 26. April 1986 explodiert Reaktorblock 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl. Bedienungsfehler führen zur vollständigen Kernschmelze. Radioaktive Partikel steigen in die Atmosphäre auf – und machen nicht an Grenzen halt. Weite Teile Europas sind kontaminiert. Spaziergänge bei Regen, das Spielen im Sandkasten, Pilze sammeln oder der Genuss von Salat und Blattgemüse – Alltägliches wird zur Gefahr. Milch gilt als radioaktiv belastet. Die Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland ist stark verunsichert, über die Geschehnisse in der Ukrainischen Sowjetrepublik kursieren zunächst vielerlei Gerüchte – was auch an der restriktiven Informationspolitik der sowjetischen Führung liegt.
Bundeskanzler Helmut Kohl wird auf einer Asienreise von den Ereignissen überrascht. Er ist über Indien und Thailand auf dem Weg zum G7-Gipfel nach Tokio. Kohl lässt das Thema „Reaktorunfall in der Sowjetunion“ kurzfristig auf die Tagesordnung des Weltwirtschaftsgipfels setzen. Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann (CSU) versichert am 7. Mai im Kabinett, eine akute Gefahr der Bevölkerung bestehe nicht. Mit den Maßnahmen der Bundesregierung, die auf den Empfehlungen der Strahlenschutzkommission basieren, sei eine optimale Gesundheitsvorsorge sichergestellt. Der Sowjetunion werde technische Hilfe geleistet, ein Spezialzug aus dem Kernforschungszentrum Jülich ist in die Ukrainische Sowjetrepublik unterwegs. Die Radioaktivität in der Luft, berichtet Zimmermann weiter, nehme bereits ab. Die Bodenwerte seien regional unterschiedlich, im Süden Deutschlands seien sie mit bis zu 50.000 Becquerel pro Quadratmeter deutlich erhöht, aber in der Mitte des geteilten Landes mit bis zu 3.000 Becquerel weitaus geringer. Selbstverständlich gebe es bei angestiegener Radioaktivität besondere Verhaltensempfehlungen für die Bevölkerung. Diese lägen in der Verantwortung der Bundesländer.
Zurückgekehrt vom G7-Gipfel in Tokio bezeichnet Kohl am 14. Mai 1986 im Deutschen Bundestag die Informationsblockade der sowjetischen Behörden als "verantwortunglos" und zeigt Verständnis für die Ängste der Bevölkerung. Die unsichtbare Bedrohung, deren Wirkung mit den Sinnesorganen nicht wahrnehmbar sei, treffe die Menschen „im innersten Kern ihrer Existenz“. Der technische Fortschritt sei in Bereiche vorgestoßen, die die Vorstellungskraft der meisten Menschen überschreite. Eine intensive Diskussion über Risiken des technisch Machbaren sei notwendig, so Kohl. Man dürfe sie nicht ausblenden, aber auch nicht in Angst verharren. Gleichzeitig
Der Reaktortyp von Tschernobyl wäre in der Bundesrepublik Deutschland niemals genehmigt worden, versichert der Bundeskanzler. Deutsche Sicherheitsstandards beim Kernkraftbau seien weltweit unübertroffen. Zur Verminderung des Restrisikos würden in atomrechtlichen Genehmigungsverfahren höhere Anforderungen gestellt als an andere technische Anlagen. Anders als das havarierte Kernkraftwerk in Tschernobyl hätten deutsche Reaktoren mehrere, unabhängig voneinander arbeitende und für sich allein ausreichende Sicherheitssysteme. Außerdem sei sichergestellt, dass Radioaktivität nicht durch die Außenhaut der Reaktoren entweichen könne. Das theoretische Restrisiko sei vertretbar und die Nutzung der Kernenergie ethisch zu verantworten, schließlich berge jede Form der Energieversorgung ein Risiko. Für die Gesundheit der Menschen habe die Kernenergie den Vorteil, dass sie die Luft nicht mit anderen Schadstoffen belaste.
Kohl kündigt an, sich international für höchste Sicherheitsstandards sowie für eine sofortige Meldepflicht bei Störfällen einzusetzen. Vom sowjetischen Staatschef Michael Gorbatschow fordert er umfassende Informationen über den Reaktorunfall und kritisiert die bisher absolut unzureichende Offenlegung von Details zum Reaktorunglück. Dieses habe, so der Bundeskanzler, die internationale Verflechtung aller Länder gezeigt.
Der Kanzler teilt mir, dass eine Sachverständigenkommission zusätzliche Leitlinien für den Fall erhöhter Strahlenbelastung aus dem Ausland erarbeiten werde. Auch die Koordination von Bund, Ländern und Gemeinden müsse verbessert werden. Eine Folge der Reaktorkatastrophe ist an der Zusammensetzung des Kabinetts abzulesen: Helmut Kohl beschließt eine Umorganisation und beruft den Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann (CDU) zum ersten Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Das neue Ministerium bündelt Kompetenzen aus dem Innen-, Forschungs-, Wirtschafts- und Landwirtschaftsressort.
Tschernobyl markiert eine Zäsur in der bundesdeutschen Energiepolitik. Der Neubau von Kernkraftwerken wird gestoppt. 2000 beschließt die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder (SPD) den Ausstieg aus der Atomenergie. 2010 setzt die schwarz-gelbe Regierung unter Angela Merkel (CDU) zunächst eine Laufzeitverlängerung durch. Doch nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011 erfolgt die Kehrtwende. 2023 gehen die letzten deutschen Reaktoren endgültig vom Netz.