7. wissenschaftliches Kolloquium „Securing Peace in Europe“

Diskussion mit Dr. Stephan Kieninger und US-Botschafter a.D. Prof. James Bindenagel

Wissenschaftliches Kolloquium der Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung zum Buch von Stephan Kieninger

Wenn der ehemalige US-Präsident Bill Clinton Probleme hatte, rief er nicht einen seiner Minister an, sondern seinen engsten außenpolitischen Berater: Strobe Talbott. Mit diesen Worten begann Dr. Stephan Kieninger seine Ausführungen zu seinem Buch Securing Peace in Europe: Strobe Talbott, NATO and Russia after the Cold War, das im Mittelpunkt des 7. wissenschaftlichen Kolloquiums der Bundeskanzler-Helmut-Kohl-Stiftung in Berlin stand. Neben dem Historiker gab Prof. James D. Bindenagel, langjähriger US-Spitzendiplomat, einen Impuls als Zeitzeuge.

Kieninger, der am American-German Institute in Washington, D.C. sowie an der Hertie School in Berlin forscht und lehrt, hat für seine Untersuchung bislang unerschlossene Tagebücher von Strobe Talbott ausgewertet – ein persönliches Zeitdokument aus der Feder des Freundes und außenpolitischen Beraters von Präsident Clinton. Talbott war von 1994 bis 2001 stellvertretender US-Außenminister und einer der zentralen Akteure in der Clinton Administration.

Der Autor stellte zunächst die Kerngedanken seiner Untersuchung vor. Im Zentrum steht Strobe Talbott, den Kieninger als zentrales „Bindeglied“ zwischen Foreign Policy und US-Administration beschrieb. Dessen politische Tätigkeit und außenpolitische Einschätzungen wurden im Buch anhand Talbotts Tagebüchern rekonstruiert. Dieses besondere Quellenkonvolut ermöglichte damit einen unmittelbaren Einblick in politische Überlegungen, interne Diskussionen und persönliche Kontakte.

Ein wiederkehrendes Thema war die Bedeutung persönlicher Beziehungen für die internationale Politik. Diplomatie erschien dabei weniger als Werk einzelner Personen, sondern vielmehr als Teamarbeit. Politische Entscheidungen wurden in Gesprächen, Verhandlungen und Abstimmungen vorbereitet, bei denen unterschiedliche Interessen untereinander vermittelt werden mussten. Diese Perspektive lenkte den Blick auch auf die Rolle von Bundeskanzler Helmut Kohl und weiteren politischen sowie diplomatischen Akteuren, die an den Debatten über die europäische Sicherheitsordnung beteiligt waren.

Kieninger sprach außerdem über die Rolle der NATO in der Welt nach dem Ende des Kalten Krieges. Das Bündnis musste sich in einer grundlegend veränderten politischen Lage neu positionieren. Eine erste konkrete Herausforderung war der Jugoslawienkonflikt (1991-1995). Bei den internationalen Auseinandersetzungen, so Kieninger, trat Talbott entgegen seiner eher ausgeglichenen Art als „Hardliner“ auf, der bereits in den frühen 1990er Jahren eine aktive Beteiligung und somit ein militärisches Eingreifen der NATO in den Konflikt befürwortet hatte.

Im Anschluss gab Prof. James D. Bindenagel einen Zeitzeugenbericht aus der Perspektive eines Diplomaten. Bindenagel war in verschiedenen diplomatischen Spitzenpositionen des US Department of State in Washington, D.C., Berlin und Bonn tätig, vor der Wiedervereinigung Gesandter an der US-Botschaft in Ost-Berlin und von 1996 bis 1997 amtierender US-Botschafter im vereinigten Deutschland. Seine Schilderungen veranschaulichen die politischen Prozesse auf transatlantischer Ebene und machen erneut deutlich, wie sehr internationale Politik von persönlichen Kontakten und persönlichen Begegnungen geprägt war.

Im Mittelpunkt seiner Ausführungen standen die Erfahrungen aus der diplomatischen Praxis sowie die Frage, wie politische Entscheidungen vorbereitet und vermittelt werden. Damit ergänzte Bindenagel Kieningers quellenbasierte Darstellung um die Perspektive eines Beteiligten, der die politischen Entwicklungen jener Jahre unmittelbar erlebt hatte.

In der anschließenden Diskussion wurden die Rolle der NATO in einer veränderten Welt nach dem Ende des Kalten Krieges, ihre Positionierung im Jugoslawienkonflikt und das Machtgefüge innerhalb der Clinton-Administration vertieft. Zugleich ging es um die Frage, ob das transatlantische Bündnis seine institutionelle Bedeutung verlieren würde, wenn es auf zentrale Konflikte in Europa nicht reagiert.

Auch die NATO-Osterweiterung wurde ausführlich betrachtet. Im Mittelpunkt standen die Gespräche und Verhandlungen im Vorfeld des Gipfels von Madrid 1997 sowie die Rolle Talbotts in den Aushandlungsprozessen. Dabei wurden auch die unterschiedlichen Perzeptionen deutlich. Während die deutsche Politik und Öffentlichkeit immer von einer „Erweiterung“ sprechen, lautet der englische Terminus „Opening“. Dieser semantische Unterschied zwischen einer freundschaftlichen Offenheit und dem eher technischen Begriff, der eine Ausdehnung des westlichen Bündnisses in Richtung vermeintlich russischer Interessensphären impliziert, verdeutlicht vielleicht auch den Unterschied in den gegenseitigen Wahrnehmungen dieser Prozesse im Laufe der letzten Jahrzehnte sowie die damit zusammenhängenden Konflikte.

In der Diskussion wurde deutlich, dass die Vereinigten Staaten bis 1994 noch keine endgültige Position zur NATO-Osterweiterung entwickelt hatten. Diskutiert wurde außerdem, welche Bedeutung die Osterweiterung für das Verhältnis zu Russland und für die Rolle die Allianz als Institution hatte. Auch die Lage der Ukraine in der neuen Weltordnung der frühen 1990er Jahre wurde in diesem Zusammenhang beleuchtet. Die Debatte zeigte, wie dringlich die Forderungen nach einer eigenständigen europäischen Sicherheitsarchitektur seit dem russischen Angriff auf die Ukraine geworden sind.

Das Kolloquium verband die Auswertung neuer Quellen, den Erfahrungsbericht eines Diplomaten und eine aktuelle Diskussion über Europas Sicherheit. Mit Blick auf Helmut Kohl wurde schließlich die Vorstellung von der „Rückkehr der Geschichte“ statt des einst von Francis Fukuyama formulierten „Endes der Geschichte“ aufgegriffen. Der Krieg in Europa und die Erfahrungen auf dem Balkan zeigten, dass die Hoffnungen auf eine dauerhaft konfliktfreie Ordnung zu kurz gegriffen hatten. Gerade darin lag die Aktualität der Veranstaltung: Die Auseinandersetzung mit den Entscheidungen und Debatten der 1990er-Jahre eröffnet einen kritischen Blick auf die sicherheitspolitischen Herausforderungen der Gegenwart.

Die Veranstaltung war Teil der Reihe, in der zeitgeschichtliche Publikationen mit Bezug zur Kanzlerschaft Helmut Kohls vorgestellt und mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Journalistinnen und Journalisten besprochen und an Zeitzeugenberichten gespiegelt werden.