Blühende Landschaften 2.0 - eine neue Agenda für Europa

Spannende Einblicke gab es bei unserer Podiumsdiskussion in Aachen am 27. April.


„Blühende Landschaften 2.0 – eine neue Agenda für Europa“: Helmut Kohl war mit seiner Vision von 1990 der unsichtbar Anwesende bei unserer Diskussionsveranstaltung zur Zukunft Europas im Krönungssaal des Aachener Rathauses am 27. April. In Kooperation mit dem Internationalen Karlspreis zu Aachen fand sie als Teil des Rahmenprogramms der diesjährigen Karlspreisverleihung an den ehemaligen EZB-Präsidenten und italienischen Ministerpräsidenten Mario Draghi statt.

Aachens Oberbürgermeister Michael Ziemons erinnerte zu Beginn des Abends an den früheren Bundeskanzler: Es sei „kein leichtfertiges Versprechen“ gewesen, das Helmut Kohl damals abgegeben habe. Volker Kauder, der Vorsitzende des Kuratoriums unserer Stiftung, begrüßte neben Gästen aus Politik und Wissenschaft, interessierten Bürgern und Sponsoren insbesondere zwei Aachener Schulklassen: „Helmut Kohl hätte euer Hiersein gefallen, weil ohne die Jugend Europa keine Zukunft hat.“ Um Europa ging es viel an diesem Abend – aber auch um Deutschland.


Passt das Bild von den Blühenden Landschaften noch als Vision?

„Herr Haseloff, was fällt Ihnen ein, wenn Sie die Worte von den „Blühenden Landschaften“ heute hören?“ Moderator Moritz Küpper (Deutschlandfunk Brüssel) nahm mit seiner Auftaktfrage an den früheren Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt Reiner Haseloff das Thema des Abends direkt auf. Die Antwort kam ebenso direkt: „Dieser Begriff war bei uns eine gesetzte Größe, von der wir uns nie haben abbringen lassen, trotz aller Brüche und Schwierigkeiten.“

Verbreitete Sorge um Europa

Unter den Zuhörern im Raum sorgten sich, das zeigte eine Umfrage gleich zu Beginn, beachtliche 79% um die Zukunft Europas. „Davon bin ich doch überrascht“, kommentierte Schnabel. Er hingegen sorge sich „überhaupt nicht um Europa“, fasste Karl-Rudolf Korte (Direktor Emeritus der NRW School of Governance und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats unserer Stiftung) seine Position zusammen. Helmut Kohl habe mit den „blühenden Landschaften“ sehr geschickt ein Bild geschaffen, das damals als „Politiktreiber“ funktioniert habe. Auf europäischer Ebene müsse man zwar ebenfalls wieder eine solche Vision ausformulieren, „hinter der sich die Menschen gerne versammeln.“ Aber das Kennzeichen offener, demokratisch verfasster Gesellschaften wie der europäischen sei ja gerade ihre Fähigkeit, zu lernen und ihre Bewertungsmaßstäbe ständig anzupassen. Demokratie sei „organisierte Freiheit“, innerhalb derer man „mit Zumutungen umgehen“ müsse.

Ohne starkes Deutschland kein starkes Europa

Den Bogen von europäischen zu deutschen Themen schlug immer wieder Haseloff. Von den vielen „sehr guten“ Empfehlungen des Draghi-Reports  seien leider bisher nur wenige umgesetzt worden. Er sei ein „fanatischer Europäer“, aber so „wie wir das machen derzeit und nicht nachsteuern“ könne es nicht weitergehen, nicht in Europa und nicht in Deutschland. Europa sei im Bewusstsein vieler Menschen in Deutschland wenig konkret; im Zentrum von nationaler und Landespolitik stünden aber oft ganz menschliche Fragen. Er frage sich manchmal, wer aus der Generation seiner Enkel bereit wäre, ein Abstraktum „Europa“ gegebenenfalls mit dem Leben zu verteidigen – dies sei eine relevante Frage auch vor dem Hintergrund, dass 30% der Soldaten der Bundeswehr aus den ostdeutschen Bundesländern stamme. Dort aber habe bei den letzten Europawahlen eine Mehrzahl der Wähler Europa faktisch abgewählt.

Haseloffs Äußerungen trafen einen Nerv bei den im Saal Anwesenden: „Wie schaffen wir es, dass Europa nicht als Ballast, sondern als Zukunft wahrgenommen wird?“ fragte ein Gast; „Wir müssen mehr Helmut Kohl wagen!“, kam von einem anderen Besucher als Aufforderung.


Eine ungewöhnliche Europa-Diskussion

„Wir haben eine ungewöhnliche Europa-Diskussion erlebt“, schloss Armin Laschet, Vorsitzender des Karlspreisdirektoriums die durch das Jugend-Blechbläser-Ensemble Brassi‘ Motion dynamisch begleitete Veranstaltung. Sein Fazit, so Laschet, sei auch das des Draghi-Reports: Wenn die Wirtschaft auf nationaler wie europäischer Ebene wieder anspringe, werde auch die Bedeutung und Akzeptanz Europas automatisch zunehmen