„Uns als Akademie gäbe es gar nicht ohne Helmut Kohl“ – mit diesen Worten begrüßte Prof. Dr. Christoph Markschies die Gäste unserer Buchpremiere am 18. Mai 2026. Der Präsident der Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften interpretierte nicht nur die Geschichte der gesamtdeutschen BBAW, sondern berichtete vor allem anekdotisch von einer Zufallsbegegnung mit Helmut Kohl, der ihn einst vor dem „Vertändeln“ der Studienzeit warnte.
Thema des Abends war der „mächtigste Nachbar im Osten“, wie der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl zu sagen pflegte: Unter dem Titel „Der ‚mächtigste Nachbar im Osten‘ – Helmut Kohl, die Sowjetunion und das neue Russland 1982–1998“ ist gerade der erste Band unserer wissenschaftlichen Reihe im Ch. Links Verlag erschienen.
Serap Güler, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, schlug in ihrem einleitenden Impuls den Bogen von der heutigen „Zeitenwende“ zurück zur „Wendezeit“ Helmut Kohls und dessen Hoffnung auf eine „Friedensordnung, die sich auf die Achtung der Menschenrechte und des Völkerrechts gründet“. Diese Vision, so Gülers ernüchternde Analyse, erscheine heute „ferner denn je“.
„Was aber machte die Originalität von Helmut Kohls Ostpolitik aus?“, fragte Prof. Dr. Claudia Weber (Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder) zwei der Autoren des Buches,
Prof. Dr. Hermann Wentker (ehemaliger Abteilungsleiter des Instituts für Zeitgeschichte) und PD Dr. Bastian Matteo Scianna (Universität Rostock). Drei Punkte hob Scianna in seiner Antwort hervor: Kohls insgesamt pragmatische Herangehensweise in der Tradition Konrad Adenauers, sein Verständnis vom Wert des Vertrauens und der Berechenbarkeit sowie eine „bewusste Multilateralisierung“ seiner Politik. „Kohl wollte keinen deutschen Sonderweg.“ Wentker unterstrich, dass der Christdemokrat Kohl zwar in der Kontinuität der Neuen Ostpolitik der SPD-geführten Vorgängerregierungen stand, anders als jene aber die Perspektive auf die Wiedervereinigung auch in der Außenpolitik stets mitgedacht habe.
Bekanntermaßen pflegte Helmut Kohl ein besonders enges Verhältnis zu Michail Gorbatschow und zu Boris Jelzin. „War das Freundschaft oder nur die geschickte politische Inszenierung von Freundschaft?“, wollte Weber deshalb von ihren Gesprächspartnern wissen. „Zu Beginn gab es mit Gorbatschow gar keine Freundschaft, im Gegenteil.“ Erst seit Mitte 1988 sei allmählich das Vertrauen zwischen Kohl und Gorbatschow gewachsen, stellte Wentker klar. Auch gegenüber Jelzin habe es zunächst nur Kohls Beobachtung gegeben, dass dieser der kommende starke Mann in Russland sei. Erst später – man erinnere sich an das gemeinsame Saunieren am Baikalsee – habe sich zwischen beiden eine echte Beziehung entwickelt. Das Ganze sei also „ein Stück weit Inszenierung gewesen, aber eben nicht nur“.
Abschließend widmeten sich die Historiker auf dem Podium noch einmal dem Begriff des „mächtigsten Nachbarn“: „Wenn Helmut Kohl von Russland als Nachbarn sprach, hieß das eigentlich: Zwischen dem Nachbarn und uns ist ein Zaun, und bis dahin reicht Europa. Die kleineren osteuropäischen Staaten hingegen hat Kohl immer schon als Teil der Europäischen Gemeinschaft mitgedacht“, interpretierte Scianna Kohls Formulierung. Russland, so die Bilanz des Historikers mit Blick auf die Gegenwart, sehe in Deutschland zurzeit kaum noch den Nachbarn, sondern vor allem den Gegner.
In der Diskussion zwischen Podiumsteilnehmern, fachwissenschaftlichem Publikum, Zeitzeugen und interessierten Gästen ging es unter anderem um die Frage von Prof. Dr. Beate Neuss (ehemals TU Chemnitz), wie Kohl im Jahr 1993 damit umgegangen sei, dass der Reformkurs Jelzins offenbar nicht fruchtete. Aus dem Bedürfnis nach Berechenbarkeit habe der Bundeskanzler, so Scianna, an Jelzin lange festgehalten und sich – anders als beispielsweise die USA – mit offener Kritik zurückgehalten. Dr. Tim Geiger (IfZ/Auswärtiges Amt) brachte das Thema der Koalitionsarithmetik in die Diskussion: Wie stark konnte in der deutschen Russlandpolitik der Einfluss der jeweiligen FDP-Außenminister (Genscher/Kinkel) sein, wenn das Thema Moskau im Bundeskanzleramt eigentlich als „Chefsache“ (Scianna) galt?
Dr. Jacqueline Boysen, Geschäftsführerin unserer Stiftung, schloss das Podiumsprogramm mit Worten des Danks und einer rhetorischen Frage, an der sich die Diskrepanz zwischen den Hoffnungen der Regierungszeit Helmut Kohls und der Gegenwärt zeigt:
Ist es vorstellbar, dass ein heutiger Bundeskanzler für das Verhältnis zu Russland den Begriff der „gutnachbarschaftlichen Beziehungen“ im Geiste der KSZE-Schlussakte von 1975 benutzt?