Der Mauerfall und die Wiedervereinigung waren nicht nur weltpolitische und historisch einmalige Ereignisse – sie waren zugleich emotionale und biografische Wendepunkte für Millionen von Menschen. Darüber, wie diese einschneidenden Umbrüche erlebt wurden und wie wir mit der Erinnerung heute und in Zukunft umgehen können, diskutierten die FDP-Politikerin Linda Teuteberg, der Podcaster und Autor Hendrik Bolz und der CDU-Politiker Eckhardt Rehberg – drei Menschen aus unterschiedlichen Generationen mit unterschiedlichen Vergangenheiten. Dabei ging es immer wieder um die Frage: Was bedeutet Freiheit – damals und heute?
Die Moderatorin Margarethe Neubauer, Reporterin beim rbb, arbeitete zu Beginn der Veranstaltung heraus, wie vielfältig die Erinnerung an die Tage des Mauerfalls und die damit verbundenen Emotionen bis heute sind. Linda Teuteberg, 1981 im brandenburgischen Königs Wusterhausen geboren, erinnert eindrücklich, mit welchen Gefühlen ihre Familie am Tag nach dem Mauerfall die Grenze passierte. Wie viele Bürgerinnen und Bürger in jenen Tagen wusste auch die diese Familie nicht, was sie am Grenzübergang erwarten würde – umso größer die Freude, als sie tatsächlich in den Westen einreisen durften.
Während Linda Teuteberg, die sich seit ihrem 17. Lebensjahr parteipolitisch engagiert, vor allem die glücklichen Ereignisse rund um die Einheit erinnert, so sind die Schilderungen von Hendrik Bolz ambivalent. Geboren 1988 in Leipzig ist er Teil der Generation, die den Realsozialismus nicht mehr bewusst erlebt hat. Bolz beschrieb die Unsicherheiten und Schwierigkeiten – wie Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Verfall – in der mecklenburgischen Provinz, in der er in der Umbruchsituation aufwuchs. Er erinnert die Stigmata, mit denen Ostdeutsche nach 1989/90 konfrontiert waren, während ihm zugleich immer vermittelt wurde, dass seiner Altersgruppe nun die Change gegeben wäre, Neues zu gestalten. Ihm, so Bolz, sei erst viel später klar geworden, was damit gemeint gewesen sein könnte. Als Kind habe er sich gefühlt, als sei er in einem „Haus ohne Dach“ groß geworden.
Für Eckhardt Rehberg, Abgeordneter der letzten und einzig frei gewählten Volkskammer der DDR und später im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern und im Deutschen Bundestag, ist die Zeit 1989/90 verbunden mit dem Begriff der Verantwortung, mit der er in dieser Zeit konfrontiert war. Nach der Wiedervereinigung ging er nach Schwerin, um gemeinsam mit seinen Kolleginnen und Kollegen, wie Angela Merkel und Berndt Seite, Politik zu gestalten. Nach seiner Erinnerung seien ihm die westdeutschen immer auf Augenhöhe begegnet – stets habe er Zugang zur Bundesregierung oder zu Helmut Kohl selbst gehabt. Rehberg, geboren 1954 in Ribnitz-Damgarten und katholisch, habe die Zeit ab 1990 wie eine neue, zweite Lebensgeschichte wahrgenommen, die geprägt war von einem Miteinander der politischen Gestalter in Ost und West. Dadurch sei in ihm das Gefühl einer gesamtdeutschen Prägung gewachsen.
In den Gesprächen und der Diskussion wurde schnell deutlich, wie ambivalent die Erinnerungen und Emotionen sind, die mit der Wiedervereinigung verbunden werden, und wie umstritten die Deutungen des Transformationsprozesses. Während einigen in Erinnerung ist, mit wieviel Skepsis Ostdeutschen allgemein und ostdeutschen Politikerinnen und Politikern im Besonderen nach 1990 begegnet wurde, galten diese – so Linda Teuteberg – zugleich aber auch als Repräsentanten grundverschiedener Meinungen, die in einem gemeinsamen Kraftakt einen Neuaufbruch – im Auftrag der Bevölkerung – wagen wollten.
Die Debatte drehte sich auch darum, wie wir mit heutigen Entwicklungen im Wählerverhalten und mit der Vereinnahmung bestimmter Narrative, die in einem direkten Zusammenhang zum Mauerfall und der Einheit stehen, umgehen können. So beklagt Linda Teuteberg, eine „Geschichtsklitterung“ in den aktuellen Debatten und eine nachträgliche Verklärung der DDR. Prägungen, die auch, wie Margarete Neubauer es beschrieb, „Ost-Millenials“, also jene, die nach den Umbrüchen von 1989/90 aufgewachsen sind, bis heute spüren, sollten stärker wahrgenommen werden. Teuteberg mahnte jedoch, sich nicht darauf reduzieren und ausgrenzen zu lassen. Dies würde der Vereinnahmung von außen den Weg ebnen.
Eckhardt Rehberg monierte in diesem Zusammenhang, dass die Realitäten in der DDR und in ihrem Staatsapparat in Öffentlichkeit und Forschung heute kaum mehr dargestellt werden. Dies trüge dazu bei, bestimmte Narrative für anti-demokratische Zwecke zu vereinnahmen. Hendrik Bolz betonte demgegenüber, wie divers und vielschichtig Ostdeutschland sei – „die Ossis“, wie es bis heute manchmal noch heißt, also eine einheitliche „Ostidentität“ habe es nie wirklich gegeben. Vielmehr teile man einen „gemeinsamen Erfahrungsraum“ und ein Gefühl des „Andersseins“. Dieses Gefühl mündete in der Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft und sei durch ein „gesunden Trotz“ gekennzeichnet, der allerdings den Raum dafür eröffnete, dass bestimmte Akteure diese Erfahrungen für sich vereinnahmen könnten.
In der Schlussrunde ging es Margarete Neubauer um die Wünsche der Podiumsgäste für das 40-jährge Jubiläum der Wiedervereinigung. Bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurde deutlich, dass es Aufgabe der gesamten Gesellschaft sei, die Kluft zwischen Ost und West zu überwinden. Wir sollten uns künftig als Gesamtdeutsche verstehen und dabei auch an unsere europäische Identität denken. Zudem gelte es, Erinnerungs- und Forschungslücken zu schließen, die DDR-Geschichte weiterhin kritisch und umfassend aufzuarbeiten und in der öffentlichen Gedenkkultur ein gemeinsames Erinnern zu zelebrieren. Darin herrschte – bei aller Unterschiedlichkeit der Perspektiven – auf dem Podium Einigkeit.
Fotos: Philipp von Recklinghausen