„Außenwissenschaftspolitik in der Form, wie Helmut Kohl sie verfolgte, ist heute aufgrund der geopolitischen Verwerfungen tot“ – dieses ernüchternde Fazit zog Gabriele Hermani bei unserem Wissenschaftlichen Kolloquium rund um das Buch von Dr. Christian E. Rieck, “Wissenschaft und Zivilmacht. Die Außenwissenschaftspolitik der Bundesrepublik Deutschland, 1950-1990“. Wobei bereits der Begriff der „Außenwissenschaftspolitik“ zu lebhaften Diskussionen führte: Von „Internationaler Wissenschaftspolitik“ sprach Dr. Dietrich Nelle, der im Anschluss an den Eröffnungsimpuls Riecks seinen Blick als Zeitzeuge auf das Thema darstellte: Klassische Außenpolitik schaffe erst die Rahmenbedingungen, unter denen internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit möglich sei.
Nelle, früher Unterabteilungsleiter für Grundsatzfragen im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), schlug zu Beginn der Veranstaltung den Bogen zu Helmut Kohl, der als Bundeskanzler und „moderner Manager“ mit seinem Fokus auf Europa Voraussetzungen für intensive wissenschaftliche Zusammenarbeit insbesondere auf europäischer Ebene geschaffen habe. Mit seinem ganzheitlichen Ansatz in der Wissenschaftspolitik habe er aber immer auch die Einbeziehung der deutschen Wirtschaft im Blick gehabt. An diesem Punkt hakte Julius Niewisch, Teilnehmer des Nachwuchskolloquiums unserer Stiftung, ein: Der Eindruck hierzulande sei oft, dass eine „Verwirtschaftlichung von Wissenschaft“ vor allem im Ausland stattfinde. Diese Wahrnehmung sei, so entgegnete Christian Rieck, vor allem in Bezug auf die USA schon immer dagewesen; es gebe aber im internationalen Vergleich durchaus deutsche wissenschaftliche Spitzenprojekte, nur leider oft in Bereichen, die „vielleicht nicht so sexy sind wie KI“.
Rieck, der unter anderem an der Universität Potsdam und an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrt, beschrieb, wie die neugegründete Bundesrepublik, die keine Weltmacht sein wollte und durfte, stattdessen zur „Weltwissenschaftsmacht“ und damit zu einer „Zivilmacht“ geworden sei. Die Rolle der Außenwissenschaftspolitik habe über die Jahrzehnte immer weiter zugenommen und sei erst durch die „Zeitenwende“ von 2022 in Frage gestellt worden. Wissenschaftsbeziehungen seien in der Lage gewesen, außenpolitische Beziehungen zu stabilisieren.
Dieser aus Riecks Sicht durchschlagende Erfolg habe aber auch zu überhöhten Erwartungen geführt. Außenwissenschaftspolitik solle so gut wie alles können, nicht zuletzt „für Frieden in der Welt“ sorgen. In der anschließenden Diskussion ging es deshalb immer wieder um die Frage, ob wissenschaftliche Zusammenarbeit letztlich transformativ sein und ein politisches System positiv verändern könne. Das Konzept des „Wandels durch Annäherung“ sei, so Dietrich Nelle, jedenfalls nicht aufgegangen. Mehrfach fiel das Beispiel des Iran, mit dem es, erläuterte Christian Rieck, bis 1979 immer mehr Kooperationen im Wissenschaftsbereich gab, die mit dem Sturz des Schahs abrupt abbrachen. In diesem Kontext stelle sich auch immer wieder die Frage, was auf die Dauer tragfähiger sei: Die internationale Zusammenarbeit mit (oft staatlichen) Institutionen oder der Aufbau von Netzwerken zwischen Individuen?
Wie aber können wir überhaupt in der Wissenschaft mit Staaten zusammenarbeiten, deren Regimes die europäischen Werte nicht teilen? “Wir sollten uns der Einschränkung unserer demokratischen Ideale bewusst sein - unsere demokratische Grundordnung ist für viele Partnerländer oft keine Grundlage mehr für eine Zusammenarbeit in der Wissenschafts-Außenpolitik“, so Gabriele Hermani, selbst langjährige Referatsleiterin in der internationalen Abteilung des BMFTR. Eine Analyse, die auch Volker Kauder, Kuratoriumsvorsitzender unserer Stiftung, mit konkreten Beispielen aus der deutschen Exportwirtschaft unterstützte. Deutlich wurde aus mehreren Beiträgen, dass insbesondere Schwellenländer oft Interesse an einer Zusammenarbeit im naturwissenschaftlichen Sektor, aber nicht im geisteswissenschaftlichen Bereich hätten.
Lisa Marie Freitag, Wissenschaftsreferentin unserer Stiftung, beendete ihre Moderation mit einer Frage nach der Zukunft: Wenn Außenwissenschaftspolitik das Werkzeug einer „Zivilmacht“ ist – wie positionieren wir uns dann gegenüber Regierungen, die die „Macht wissenschaftlicher Erkenntnisse“ ignorieren? Sie schloss mit einem Zitat von Helmut Kohl aus dem Jahr 1988: „Es liegt auf der Hand, dass wir ohne eine enge Zusammenarbeit von Wissenschaft und Politik die Zukunft für unser Land nicht gewinnen können. Dies gilt umso mehr, als es doch – bei aller Unterschiedlichkeit der spezifischen Verantwortungsbereiche – zahlreiche Berührungspunkte gibt. Wissenschaftliches Forschen auf der einen Seite, politisches Handeln und Entscheiden auf der anderen entfalten sich zum Teil durchaus unter vergleichbaren, ja ähnlichen Bedingungen und Gegebenheiten.“
Die Veranstaltung war Teil einer Reihe, in der zeitgeschichtliche Publikationen mit Bezug zur Kanzlerschaft Helmut Kohls vorgestellt und von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Journalistinnen und Journalisten besprochen werden.