Der verhüllte Reichstag ist Geschichte, doch die Erinnerung an die spektakuläre Kunstaktion mit über 5 Millionen Besucherinnen und Besuchern ist auch nach 30 Jahren lebendig. Das wurde während des Salongesprächs am 23. September 2025 im Kohl Salon deutlich. Zu Gast waren Bundestagspräsident a.D. Prof. Norbert Lammert, Dr. Benedikt Wintgens, Historiker und Generalsekretär der Kommission für die Geschichte des Parlamentarismus und der Parteien, sowie die Zeitzeugen Michael Cullen und Roland Specker, die mit Christo und Jeanne-Claude als leitende Projektmitarbeiter am „Wrapped Reichstag“ gearbeitet haben. Zusammen mit allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern diskutierten sie im kleinen Kreis über „Kunst und Politik: 30 Jahre Verhüllung des Reichstags“.
So leicht und heiter die Atmosphäre während der Verhüllung des Reichstags im Juni und Juli 1995, so schwer war das vorangegangene Ringen um das temporäre Kunstprojekt. Schließlich vergingen 24 Jahre zwischen der ersten Projektskizze und der Verwirklichung. Michael Cullen und Roland Specker gaben Einblick in die organisatorischen und finanziellen Hürden, die Christo und Jeanne-Claude mit ihrem Projektteam überwinden mussten. Die größte Hürde war die Abstimmung im Deutschen Bundestag, der damals noch in Bonn tagte. Um die Zustimmung der Abgeordneten zu gewinnen, führten beide mehr als 320 halbstündige Einzelgespräche mit Parlamentariern – im Rückblick eine einmalige Form des Lobbyismus zugunsten der Kunst.
Bereits zu Beginn des Abends hatte Dr. Benedikt Wintgens, der wissenschaftlich über den „Wrapped Reichstag“ publiziert hat, die politische Debatte um das Werk von Christo und Jeanne-Claude in Erinnerung gerufen: Die Gegner der Verhüllung, zu denen auch Bundeskanzler Helmut Kohl gehörte, kritisierten die Aktion als schamhaftes Verbergen eines nationalen Wahrzeichens, als Frevel und neuerliche Verächtlichmachung des Reichstagsgebäudes, während die Befürworter argumentierten, der Bau würde durch die Verhüllung geadelt und seine architektonischen Hauptlinien besonders hervorgehoben. Da dieser Konflikt nicht aufgelöst werden konnte, kam es am 25. Februar 1994 zu einer kurzen, aber denkwürdigen Debatte im Deutschen Bundestag. Es war das erste Mal überhaupt, dass sich das Parlament speziell mit einem Kunstwerk beschäftigte und über die Möglichkeit seiner Verwirklichung entschied – letztlich mit klarer Mehrheit für die Verhüllung des noch nicht umgebauten Parlamentsgebäudes.
In der Rückerinnerung an die politische Auseinandersetzung damals ergab sich eine bemerkenswerte Begründung für die überraschend hohe Zustimmung gerade auch aus den Reihen der Unionsfraktion – obwohl doch der Kanzler das Projekt eindeutig ablehnte. Zu erklären sei dies über die vehement ablehnende Haltung von Wolfgang Schäuble – ein großer Teil seiner Fraktion hätte ihm sein klares Plädoyer für Berlin als Regierungs- und Parlamentssitz so übelgenommen, dass man ihm nun demonstrativ in dieser Abstimmung die Gefolgschaft verweigerte. Schäuble hat im Übrigen wie andere auch sein Urteil später revidiert und sich positiv über die Verhüllung geäußert.
Warum der „Wrapped Reichstag“ 1995 letztlich so ein großer Erfolg wurde? Michael Cullen argumentiert, dass das Projekt einlöste, was man heute unter dem Schlagwort „Barrierefreiheit“ versteht. Niemand musste ein Ticket kaufen, es gab keine Öffnungszeiten und der verhüllte Reichstag war frei zugänglich, man konnte sogar das Gewebe berühren. Zudem hätte das Kunstwerk zu keinem besseren Zeitpunkt realisiert werden können. Gerade das kurze Zeitfenster zwischen Wiedervereinigung und dem Umzug von Regierung und Parlament ließ den verhüllten Reichstag zu
einer „Zeremonie des Übergangs“ von Bonn nach Berlin und von der Vergangenheit in die Zukunft des wiedervereinigten Deutschlands werden, so Dr. Benedikt Wintgens. Dass an fast jedem Tag der Verhüllung Bilderbuchwetter in Berlin herrschte, habe auch keine unerhebliche Rolle gespielt. Ob ein solcher „Christo-Moment“ noch einmal möglich ist? Prof. Norbert Lammert wünscht es sich, doch hält es nicht für planbar. Jedes Projekt, dass mit diesem Anspruch startet, wäre zum Scheitern verurteilt.
Felix Tauche
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